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Das Chaos davor

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Ich weiß nicht, wie es dir geht. Ob du zu der Sorte der Teilnehmer gehörst, die heute schon eine komplette Packliste fertig haben, alle Workshops auswendig können und bereits in der Lage wären, von den Hauptsprechern eine halbe Biographie zu schreiben. Oder ob es dir wie mir geht ...

Ich habe immer noch keine Ahnung, was auf mich zukommt, erzähle aber trotzdem alle fünf Minuten, wie sehr ich mich auf den Youth in Mission Congress freue. Habe weder eine Packliste noch eine Idee, wie ich meinen Koffer zu bekommen soll. Ganz zu schweigen von einer organisierten Anfahrt, die sich alljährlich sowieso wieder fünf Minuten vor der Abfahrt zerlegt.

Aber egal, ob du zu den organisierten Teilnehmern gehörst, die uns anderen dabei helfen werden, den Youth in Mission einigermaßen zu überstehen, oder ob du zu meiner Kategorie der Improvisationstalente zählst: Wir haben alle eine Sache gemeinsam. Im letzten Ende weiß keiner, was wirklich auf uns zukommt. Wem wir begegnen werden. Welche Worte uns bewegen werden. Welche Musik unser Herz treffen wird. Mit welchem Gefühl wir morgens aufwachen werden und wie Gott es dieses Jahr wieder schaffen wird, uns zu erreichen. Wir wissen es nicht.

Da liegt irgendein Ereignis im Nebel vor mir. Und obwohl ich vielleicht schon oft da war, die Abläufe kenne, eine Vorstellung habe von dem, was auf mich zukommt, kann es doch passieren, dass dieses eine Mal alles ganz anders wird. Warum gehst du zum Youth in Mission? Warum bist du gerade dabei, deinen Schlafsack und deine Isomatte einzupacken, um mit über tausend anderen Teilnehmern in Hallen zu schlafen? Warum fährst du hunderte Kilometer zu einem Messegelände, während andere die freien Tage zuhause verbringen? Ganz ehrlich, während ich das hier schreibe, komme ich mir selbst ein bisschen verrückt vor.

Aber genau das ist doch der Punkt. Irgendwas treibt uns dazu, etwas zu tun, was jeder andere einfach komplett verrückt findet. Dieses Irgendwas habe ich als Liebe identifiziert. Liebe zu dem Einen, der für mich noch viel mehr getan hat, als in Hallen zu schlafen und auf eine lange Reise zu gehen. Und auch, wenn für mich diese paar Tage noch im Nebel liegen, weiß ich, dass mich dieser Eine dort ansprechen kann. Sei es durch die Umarmung eines Freundes, den ich lange nicht gesehen habe. Durch den Sonnenstrahl, der durch das Hallenfenster auf meinen Schlafsack fällt. Durch das Vogelzwitschern, wenn ich in der Dämmerung zum Gebet gehe. Oder durch eine Stimme aus dem Lautsprecher, die plötzlich so klingt, als wäre sie nur für mich gesprochen worden.

Gott kann dir überall begegnen. Auch jetzt gerade, wo du diese Zeilen hier liest. Und trotzdem hat dieser eine sich immer wieder gewünscht, dass wir uns besondere Zeit nehmen, um ihm zu begegnen. Im Alten Testament springen mir diese Zeiten förmlich ins Auge: Feste über Feste, bei denen die Israeliten sich mit Gott versöhnen durften, ihn erleben konnten und alte Versprechen wieder neu entdeckten. Auch wenn wir heute viele dieser Feste nicht mehr feiern, weil unser Erlöser bereits über diesen Erdboden gewandert ist, bleibt das Prinzip bestehen. Nach wie vor sehnt sich Gott nach Zeit, in der wir in seinen Armen ausruhen.
„The Hour Has Come“ klingt vielleicht manchmal mehr nach Eile als nach Ruhe. Fünf vor Zwölf, die Ruhe vor dem Sturm, Erfolgsdruck: Es ist schon seltsam, wie wir Menschen auf etwas reagieren, was uns eigentlich Frieden bringen sollte. Diese Stunde, von der dort die Rede ist, wird in der Bibel nur von einem so erwähnt: Jesus. Unser bester Freund, Ratgeber, Held und Friedefürst. Auch für ihn lag ein Ereignis im Nebel. Ein Ereignis, das jeden von uns in die Knie zwingen würde. Sein Weg, seine Strategie war einfach: Zeit mit seinem Vater verbringen. Mit Gott. Und diese Zeit muss es ganz schön in sich gehabt haben. Wie konnte er sonst in Stürmen schlafen, Besessenen entgegentreten und trotzdem noch eine einzige Berührung in einer Menschenmasse spüren?

Ich weiß immer noch nicht, wie es dir geht, aber ich möchte diese Zeit, die Jesus
mit seinem Vater hatte, auch haben. Die Stunde, die gekommen ist, werde ich also vor allem für eins nutzen: In die Arme von dem Einen zu rennen, der mich zuerst und immer nur geliebt hat. Also werde ich meinen Koffer packen. In das Auto steigen und in den hintersten Winkel Süddeutschlands fahren. Ob wir uns dort begegnen, weiß ich nicht. Aber diesem Einen schon. Und das ist es wert.

Geschrieben von Sofia Nelles am Montag, 15 April 2019.
Geposted in Ankunft , YiMC 2019