Schließen

Gemeinsam anbeten oder gemeinsam allein?

-

Gleich beginnt der Gottestdienst – Sabbatmorgen, Anfangslied, festliche Kleidung. Wie sonst am Sabbat auch. Aber heute sind wir viel mehr. Nicht 50, sondern ungefähr 5.000 Geschwister setzen nach dem Vorspiel in “Seliges Wissen” ein. Schön, dass wir so viele sind. Schön, wie sich die verschiedenen Stimmen vermischen – Sopran, Bass, Tenor, Alt und Kreativ. Schön, wie wir gemeinsam Gott begegnen.

So oft im Leben fühlt man sich als Christ ja ein bisschen allein. Wenn man als einziger vor dem Essen betet. Wenn man das Weinglas stehen lässt, wenn man vor Sonnenuntergang geht. Umso schöner ist es dann, wenn man den Sabbat gemeinsam feiern kann!

Andererseits – man kann auch in so einer großen Gruppe, beim gemeinsamen Singen so einsam sein. Noch schlimmer als allein einsam sein, ist ja gemeinsam einsam sein. Unter Menschen sein und sich doch nicht verstanden fühlen, unter Menschen sein und nicht wissen, wo man sich hinsetzen soll. Unter Menschen sein und doch wissen, diese Entscheidung muss ich allein treffen. Wie auch Reinhard Mey singt:
“Allein,
Wir sind allein,
Wir kommen und wir gehen ganz allein.
Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein:
Die Kreuzwege des Lebens geh‘n wir immer ganz allein.”

Wie oft muss es Jesus so gegangen sein? Mitten unter seinem Volk beim Passahfest; ein riesiges Fest, das ihn, den Erlöser zum Zentrum hat und niemand sieht es. Mitten unter seinem Volk geheilt, für Tausende Brot geschaffen und gepredigt – von Gott, von seinem Reich, von seiner Liebe – und am Ende wollen sie nur einen König haben, der sie von den Römern befreit. Wie oft war Jesus für alle da, hat jedem geholfen, zugehört, getröstet und geheilt. Und wie wenige haben ihm geholfen, ihm zugehört, ihn getröstet?

Der Text aus Hebräer 4,15 stimmt hier auch: “Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleid haben mit unsern Schwachheiten, sondern der versucht ist allenthalben gleichwie wir, doch ohne Sünde.” Jesus weiß, wie es uns geht. Auch in der Einsamkeit. Nicht theoretisch oder intellektuell allein, sondern ganz praktisch. Jesus wurde wie wir. Warum? Damit wir einmal bei ihm sein können. Oder wie Bonhoeffer das treffend geschrieben hat: “Er wurde wie wir, damit wir werden wie er.”

Geschrieben von Klaus Müller am Sonntag, 01 April 2018.
Geposted in Sprecher , YiMC 2018